Relax – it´s sri-lankian time“

von Alice Therese Böhm

Als ich Mitte September 2006 vom Goethe- Institut gefragt wurde, ob ich für den artlink workshop im Januar 2007 nach Sri Lanka fahren wollte, um mit dort tätigen Puppenspielern zu arbeiten, war ich sehr begeistert. Zum einen war ich noch nie in einem indischen/asiatischen Land und das Projekt klang nach Abenteuer. Andererseits war ich auch neugierig, da ich von unterschiedlichen Seiten gehört hatte, dass das traditionsreiche Puppenspiel in Sri Lanka Unterstützung und Hilfe braucht da es sonst ausstirbt. Ich war unsicher, ob eine solche Hilfestellung wirklich von außen geleistet werden darf oder ob sie nicht aus dem eigenen Land kommen muss. Und offenbar herrschte tatsächlich bei den srilankischen Puppenspielern große Furcht davor, dass weniger ein Austausch als eine Missionierung seitens der Europäer bei diesem Projekt stattfinden wird.

Wohl resultierend aus dieser Befürchtung stellte Sarath Abeygunawardana (Besitzer des Museums und unser Gastgeber) die drei europäischen Gastkünstler auch am ersten Treffen mit den Puppenspielern als Schüler vor, die die Kunst des Rukada (srilankische Puppenspielkunst) lernen wollten, was ja auch stimmte. Vom Austausch sprachen allerdings nur wir Europäer und wir waren uns nicht sicher was davon übersetzt wurde…

Der Workshop fand im liebevoll gestalteten „Traditional Puppet Art Museum“ in Piliyandala statt. Das Gelände hat einen schönen Garten und bietet eine sehr angenehme Atmosphäre.

Die Truppe der Teilnehmer bestand aus acht Spielern und aus sieben Sprechern und/oder Musikern. Neben mir waren weitere Gastkünstler aus Frankreich Clement Peretjatko und Ewan Hunter aus Großbritanien. Also waren wir insgesamt zu achtzehnt. Die ersten Tage verbrachten wir damit, uns aneinander zu gewöhnen und vorsichtig gegenseitig unsere Vorstellungen und Wünsche zu erfahren.

Ich bot den Bau und das Spiel mit der Tüchermarionette an und war überrascht, wie schnell und mit welcher Spielbegeisterung beides aufgenommen wurde. Auch das Basistraining für das Marionettenspiel (entwickelt von Prof. Albrecht Roser) mit der einfachsten Form einer Marionette, einer Kugel am Faden, wurde sofort spielerisch und sehr kreativ umgesetzt. Der Bau der Tüchermarionetten gestaltete sich etwas schwieriger, da wir mit dem Material improvisieren mussten und aus der Not heraus Bambus statt Holzkugeln verwenden. Meiner Meinung nach verbesserte das sogar den Ausdruck der Figur.

Umgekehrt lernte ich das Spiel mit der Göttin der Musik und der Kunst: Saraswhatie. Ihr Lied und ihr Tanz eröffnet jede Aufführung des Rukada-Theaters. Die Figur ist 1,40 m groß und recht schwer, geschnürt ist sie an den Händen und dem Kopf. Den erstaunlichen Ausdruck erhält sie durch das „In-Schwingung-bringen“ ihres gesamten Körpers, eigentlich wie ein Pendel. Kopf und Arme werden mit oder gegen das Pendel geführt. Um uns die Choreographie zu merken, versuchten wir den Tanz nachzutanzen, sehr zur Freude aller srilankischen Puppenspieler.

Wir lernten einige Lieder auf Altsinghalesisch, denn in dieser Sprache finden die Theateraufführungen statt. Zudem übten wir das Spiel von drei Narrenfiguren, die ebenfalls zu Anfang jeder Aufführung auftreten und das Publikum auflockern. Ihre Manipulation ist sehr kraftvoll und machte in ihrer Einfachheit und im Zusammenspiel mit der Musik großen Spaß.

Wir Europäer dachten, dass wir gemeinsam an dem traditionellen Stück „Kalegole“ arbeiten werden, allerdings mussten wir bald feststellen, dass es uns nicht oder kaum möglich war etwas zur dramatischen Gestaltung dieses Stückes beizutragen. Ein Probenprozess mit der Auseinandersetzung der Figuren und der Erarbeitung eines spannungsreichen Aufbaus oder gar einer Interpretation ist nicht bekannt. Die Stücke werden von Generation zu Generation mündlich weitergegeben, wie wir auch live und eindrucksvoll am 9-jährigen Sohn des Theaterleiters Vipula erleben konnten. Er eignet sich Stück für Stück durch Wiederholung das Liedgut an und lernte durch Zuschauen und Nachahmen.

Warum auch etwas verändern?

Nun, wir haben die Vermutung, dass, wenn eine Kunst nicht mit ihrem gesellschaftlichen Umfeld mit wächst, sie irgendwann das breite Publikum verliert. Bei der Schüleraufführung in Colombo erlebten wir ein sehr unruhiges Publikum. Das lag wohl daran, dass einerseits die altsinghalesischen Texte nicht verstanden wurden und andererseits nicht genügend Aktion geboten war.

Aber genau das ist der Punkt, der nur durch die srilankischen Puppenspieler selbst geändert werden kann. Das zu akzeptieren, zumal ich ja dann auch ein Teil der Aufführung war, viel mir äußerst schwer. Ich wollte aus meiner europäischen Sichtweise zum Gelingen der Aufführung beitragen und musste aber hinnehmen, dass ich nur wenig Einfluss hatte. Das ist in der künstlerischen Arbeit nichts Besonderes, aber durch Diskussion und Argumentation kann oft eine gemeinsame, für alle Seiten akzeptable Lösung gefunden werden. Aber genau dieser Prozess der Auseinandersetzung und Kommunikation ist eben auch europäisch. Meine Anregungen wurden oft mit einem Lächeln bejaht und ich wartete vergebens auf eine Umsetzung oder ein Gegenargument.

Aus der alltäglichen Organisation musste ich lernen, vieles einfach geschehen zu lassen und von Ewan Hunter (der schon öfters in Sri Lanka war) musste ich hören: „Relax- it’s sri-lankian time“. Wozu auch dieser Ergeiz – ist nicht ein spielerischer und gelungener Austausch wichtiger, als eine perfekte Aufführung?

Neben der Gelassenheit nehme ich mit: die unbefangenen Herangehensweise an neue Spielarten des Figurentheaters der srilankischen Teilnehmer sowie ihr selbstverständliche Umgang mit Musik und Stimme und der absolut natürliche und harmonische Körperausdruck. Das fand ich sehr beeindruckend. Ich weiß durch meine Workshoparbeit, vor allem mit deutschen und amerikanischen Studenten, dass vielen Menschen diese Eigenschaften fehlen und wie wertvoll sie für den künstlerischen Ausdruck sind.

Ich hoffe, dass wir Europäer durch unsere Arbeitsweise Anstoss geben konnten, die traditionellen Stoffe weiter zu gestalten und für das Publikum unterhaltsamer zu machen, ohne dabei die herrlich Ungezwungenheit und Ursprünglichkeit der Darbietung, sowie die aufwendige Gestaltung der Marionetten zu verlieren. Vieleicht kann dadurch wieder ein breiteres Interesse der Öffentlichkeit am Puppenspiel erlangt werden.

Dass die srilankischen Puppenspieler Interesse am westlichen Marionettenspiel und seiner Technik hatten, zeigte sich auch durch die Nachfrage meines Arbeitsbuchs mit Abbildung von unterschiedlichen Gelenkarten sowie anderem Basiswissen im Bezug auf Marionettenbau. Schön war ebenfalls, als Jilan plötzlich anfing einfache Soundeffekte in eine Aufführung einzubauen, um eine Szene für den Zuschauer plastischer zu gestalten. Das sind kleine Dinge aber ich glaube das Wichtigste bei so einem Austausch ist mehr der respektvolle Umgang miteinander und das Anerkennen der Fähigkeiten des anderen. Unter uns achtzehn Puppenspielern herrschte eine sehr angenehme und verständnisvolle Atmosphäre. Zusammen spielen konnten wir vom ersten Tag an, unabhängig von allen kulturellen Unterschieden. Eins haben wir eben alle gemeinsam: die Figur als künstlerische Ausdrucksform.

 

Bau einer Tüchermarionette

Lal kleidet eine Marionette an

Üben von Saraswhati

Vipula schnitzt

Die Puppenspieler

Reisebericht